Antifaschistische Gruppen Südthüringen

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Themar: Warum wir an den Protesten gegen das Nazifestival nicht teilnehmen

Eintragsdatum: 2017-07-11Quelle: AGST

Für den 15. Juli steht ein europaweit beworbenes Nazifestival in Themar an. Wie in den vergangenen Jahren (2015, 2016) werden dazu mehrere Tausend Neonazis in den Landkreis kommen. Dagegen organisiert sich bürgerlicher und antifaschistischer Protest. Im Folgenden wollen wir darlegen, warum wir aus unterschiedlichen Gründen beiden Formen des Protestes eine Absage erteilen.

Bürgerlicher Protest – Angst vor Imageschaden und Standortpolitik

Die Bürger von Themar sind aufgebracht, schließlich berichtet die bundeseweite Presse über das Dorf und eine „Invasion“ von tausenden Neonazis am kommenden Wochenende. Gemeinsam will die Bevölkerung vor Ort zeigen, dass Nazis nichts mit dieser Stadt zu tun haben. Themar, der Landkreis Hildburghausen, Thüringen und schließlich Deutschland habe mit den Neonazis rein gar nichts am Hut, man ist bunt und weltoffen. An den restlichen Tagen im Jahr stört man sich kaum daran, wenn die Neonazis in Kloster Veßra ihre Konzerte veranstalten. Wenn in Hildburghausen selbsternannte Bürgerwehren Jagd auf Ausländer machen, wird geschwiegen, ebenso wenn gegen Flüchtlinge gehetzt wird. Erst jetzt, wo das mediale Auge auf Themar und den Landkreis Hildburghausen schaut, positioniert man sich. Die Ursachen für wachsende Neonazistrukturen werden nicht erkannt, bzw. will man sie nicht erkennen. Auf der Bürgerversammlung in Themar zeigte es sich deutlich. Dort galt das rassistische Nützlichkeitsargument, so lange Migranten hier fleißig „für uns arbeiten“, dann sind sie willkommen. Die letzte Konsequenz daraus wurde nicht benannt, ist aber klar. Wer das eben nicht tut oder kann, wer nicht verwertbar ist, hat hier auch nichts zu suchen. Ebenso heißt es, der Ausländeranteil in Themar sei so gering, dass es hier gar keine Probleme geben könne. Als ob es andersherum eine andere Ausgangslage wäre. Eine Kette, die sich fortführen lässt. Unserem Verständnis nach kann es nicht darum gehen in friedlicher Eintracht mit den Verteidigern und Verfechtern der bestehenden Verhältnisse, seien es Parteien, Kirche oder die sogenannte Zivilgesellschaft, gegen die Nazis vorzugehen. Die Konsequenz wäre, das öffentliche Bild von Themar, den Landkreis und am Ende des geläuterten Deutschlands zu manifestieren und vom Standpunkt einer radikalen Kritik der Gesellschaft abzuweichen. Mit solchen bürgerlichen Protest gibt es für emanzipatorische Kräfte nichts zu gewinnen, sondern nur zu verlieren.

Antifaschistischer Protest – die blinde Wut des Machens

Das bringt uns zu der zweiten Protestform. Ein „Arbeitskreis Themar“ organisiert für den 15. Juli eine antifaschistische Demonstration, die sich gegen den Besitzer der Festivalwiese, dem mittlerweile ehemaligen AfD-Mitglied Bodo Dressel, als auch gegen das Neonazifestival und die Zustände im Landkreis richtet. Die Organisatoren grenzen sich zum Teil vom bürgerlichen Protest, sowie von stalinistischen Kleinsekten ab. Soweit so gut. Dennoch bereitet uns die Aktionsform Bauchschmerzen. Wir können das Gefühl der Ohnmacht aus den letzten Jahren gut verstehen, denn auch wir waren von der Anzahl der angereisten Neonazis überrascht. Dass der Wunsch aufkommt, eine solche Veranstaltung nicht unwidersprochen zu lassen, liegt nahe. Es lassen sich für den Tag dennoch zwei Punkte nicht verändern. Der erste Punkt ist die Ausgangslage. Man steht in einem Dorf einer Überzahl von mehreren Tausend Neonazis und Polizisten, sowie dem bürgerlichen Anti-Nazi-Mob gegenüber. In dem gesamten Dorf werden Polizei und/oder Neonazis parken, anreisen, in den Wald pissen und sich betrinken. Eine Lage, die nicht nur unangenehm ist, sondern auch gefährlich. Weder von der Polizei, noch vom bunten Deutschland haben Antifaschisten Schutz oder Unterstützung zu erwarten, noch sollte man sich selbst in die Lage bringen, auf deren Schutz angewiesen zu sein. Am Ende wird es ein Katz und Maus-Spiel, ein Spießroutenlauf, der lediglich der Staatsschutzakte oder dem Anti-Antifa-Fotografen etwas nützt. Eine Beeinträchtigung, Sabotage oder Störung des Festivals wird so nicht möglich sein, zumal Themar im letzten Hinterland liegt und nicht damit zu rechnen ist, dass große Unterstützung von außerhalb kommen wird. Der zweite Punkt ist die öffentliche Darstellung und die Vereinnahmung von antifaschistischen Protest. Am Ende bleibt von den gut gemeinten Inhalten der Demonstration nichts hängen. Nach den Ausschreitungen in Hamburg kommt für die Eingeborenen in dem Dorf der schwarze Lynchmob, für die Presse ist man nur ein weiterer Garant um die Zahlen für die 'bunten Protestler' nach oben zu treiben. Egal wie es kommt, der Protest vor Ort wird sich in den Tenor des bunten Themar und Anti-Nazi-Deutschland einreihen lassen, ob es die Veranstalter wollen oder nicht.

Was also tun?

Als Antwort auf diese Frage haben wir keinen Plan oder endgültige Strategie. Was wir aber wissen ist, dass es nicht das Ziel antifaschistischer Politik sein kann, sich selbst den Bullen oder der Themaraner Zivilgesellschaft für ihre Maßnahmen und ihre Zwecke auszuliefern, oder im worst case einem Nazilmob gegenüber stehen zu müssen. Die Auseinandersetzung kann an einem solchen Tag für uns zu nichts führen, nicht auf der Straße oder auf einem Forstweg. Den Nazistrukturen mit einer Demonstration beizukommen mag zwar in linken Szenehochburgen durchaus ein adäquates Mittel sein, um gegen diese Veranstaltungen vorzugehen, jedoch nicht in der (Südthüringer) Provinz. Um den Nazis nachhaltig zu Schaden, ihre Veranstaltungen zu verunmöglichen, bedarf es keiner Demonstration oder einem Lippenbekenntnis, sondern einen andauernden Druck, der sich in Angriffen auf die Infrastruktur, die Akteure im Hintergrund und ihrer Objekte äußert. Wie konkret das aussehen könnte, lassen wir offen, doch eine Provinzdemonstration wird den gewünschten Effekt nicht bringen. Wenn man Nazis und ihren Auswüchsen darüber hinaus ursächlich bekämpfen will, geht das nicht über die blinde Wut des Machens, sondern über eine vernünftige Kritik an den Verhältnissen, die eine Kritik des geläuterten Deutschlands mit einbezieht. Nur so kann antifaschistische Kritik am Ende zu einer vernünftigen Praxis führen, deren Ziel es ist, diese Verhältnisse zu Fall zu bringen, die menschenverachtende Ideologien überhaupt erst ermöglichen und als letzte Konsequenz die befreite Gesellschaft einfordert. Wer das als Ziel hat, ist eingeladen, diesen Kampf an allen anderen Tagen im Jahr mit uns zu bestreiten, egal ob in Themar, Hildburghausen, Thüringen oder sonstwo.

Wir möchten niemanden abraten an der antifaschistischen Demonstration am 15. Juli 2017 teilzunehmen, nur geben wir zu Bedenken, dass es an einem solchen Tag für eine antifaschistische Kritik kein vernünftigen Ansatzpunkt geben wird, der über eine Selbstbespaßung und dem Gefühl „endlich mal was gemacht zu haben“ hinausgeht. Wie die Jahre zuvor, werden wir eine Reisewarnung herausgeben und unsere eigenen Strukturen schützen, schließlich ist die Idiotendichte an einem solchen Tag noch höher als an anderen Tagen im Jahr.

Am Ende wollen wir noch auf eine Stellungnahme unserer Genossen der Association Progrès aus dem Eichsfeld verweisen, die für ihre Reisewarnung zum 'Eichsfeldtag' im Mai auf einem offenen Brief der Göttinger Szenemacker 'Redical M' antworteten, in denen diese ihr Vorgehen kritisierten.

Antifa Gruppen Südthüringen, Juli 2017

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